EINE HISTORISCHE SPURENSUCHE AUF DEM BODEN VON TATSACHEN.

Der Ursprung.

In grauer Vorzeit beherrschte der Riese Sprejnik das Lausitzer Bergland. Um sein Reich und dessen Bewohner besser schützen zu können, schnitzte er einen großen und starken Bogen, den er sogleich erprobte. So schoss er drei Pfeile ab, die weit südöstlich in einem Tal niedergingen. Fest in der Erde verhakt, mussten diese von ihren Findern ausgegraben werden. Aus den Löchern begann frisches Wasser zu fließen. So entsprangen die drei Spreequellen am Kottmar, in Neugersdorf und Ebersbach. So bohrte sich der Wasserstrom seinen knapp 400 Kilometer langen Weg, um noch heute in die Havel zu münden. Bis dahin fließt die Spree zuletzt 44 Kilometer durch Berlin. Hier passiert sie unter anderem (als Müggelspree) den Müggelsee, später den Berliner Dom und die Museumsinsel, das Bundeskanzleramt und die waf.berlin.

Der Bohneshof.

Anfangs des 19. Jahrhunderts sind die Berliner Ufer der Spree noch vielerorts unbesiedelt. Eine Brache an der Grenze von Moabit zu Charlottenburg sichert sich der Fabrikant Johann Adolph Eduard Bohne. Trotz seines Namens hat er weder mit Kaffeebohnen (dazu später mehr) noch mit Hülsenfrüchten (dazu später mehr) zu tun. Stattdessen errichtet er 1838 auf dem Grundstück eine Lederwalkmühle und eine Ölmühle. Ihre Adresse: Bohneshof 11–16. Auch in der Nachbarschaft siedeln sich zunehmend Gewerbe und Industrie an. Dazu zählt die „Dampf-Knochenmehl-Fabrik-Berlin“, über die Bohne 1862 klagt: „Es werden … nicht nur trockene Knochen von allerlei Tieren …, sondern ungetrocknete und faulige Knochen mit faulendem Fleisch und Sehnen … am hellen Tage die ganze chaussierte Straße entlang gefahren. Der Gestank macht sofort jede Mahlzeit im Freien unmöglich, und noch Minuten nachdem der Wagen vorüber, erhält sich der Gestank.“ Auch die Firma „Siemens & Halske“ breitet sich zunehmend in der Gegend aus, nachdem das Stammwerk im heutigen Kreuzberg zu klein geworden ist. Dabei werden ab den 1880er Jahren auch ehemalige Gebäude und Flächen im Bohneshof übernommen.

Das Elektroboot.

Siemens & Halske unterhält hier zeitweise ein Versuchslaboratorium zur Grundlagenforschung, aus dem später der Einsatz von Metallfäden in Glühbirnen hervorgeht – ein wichtiger Durchbruch des Chemikers Werner Bolton für die massenhafte Verbreitung elektrischer Beleuchtung. Diskrete Versuche anderer Forscher aus Erzen Gold zu gewinnen, versanden allerdings. Auch ein frühes Flaggschiff der Elektromobilität geht leider unter. Man fertigt an Ort und Stelle nämlich nicht nur Akkumulatoren, sondern lässt hier 1886 auch die damit angetriebene „Elektra“ vom Stapel. Das Versuchsboot von Siemens & Halske soll schon damals zur Modernisierung des Berliner Nahverkehrs beitragen. Leider bleibt es bei wenigen Probefahrten des auch mythologisch aufgeladenen Experiments. Trotz positiver Presse liegt die „Elektra“ zwar noch einige Zeit im Bohneshof auf dem Trockendock, wird dann jedoch verkauft, ohne weitere Spuren zu hinterlassen.

Unser technischer Berichterstatter schreibt uns: Die Menschheit ist in Folge der sich förmlich überstürzenden an's wunderbare grenzenden Erfindungen und Entdeckungen der Neuzeit, vornehmlich aus dem Gebiete der Elektrotechnik förmlich abgestumpft. Sie wundert sich über nichts mehr und sieht Errungenschaften, die man noch vor wenigen Jahren für Utopien hielt, mit einer Ruhe ohne Gleichen an. ...bei einer Probefahrt des elektrischen Bootes Electra, die wir Dank der Erlaubnis des Herrn Oberingenieurs Frischen von der Firma Siemens&Halske, mitmachen durften. ...vollziehen sich die Fahrten der Electra ohne das ein Auflauf am Strande entsteht, ... und keine Ahnung davon zu haben scheint, dass die Elektrizität dereinst auch auf dem Wasser alle bisherigen Triebkräfte verdrängen wird. ... bei der Elektrizität haben wir (es) hingegen mit einer Kraft zu thun, deren Wesen gänzlich unbekannt und die völlig unsichtbar ist. ... wir sehen auf der Electra lediglich eine Anzahl Kästen, in denen elektrischer Strom, also etwas Ungreifbares, aufgestapelt wurde, ferner eine dynamo-elektrische Maschine, der man kaum soviel Kraft zutraut als einer Nähmaschine, und sie auch nicht größer ist. Endlich eine dünne Welle und wenn wir uns hinausbücken eine Miniaturschraube (Propeller) von vierzig Zentimeter Durchmesser. Die Ausrüstung vervollständigt eine Kurbel, so lang wie bei einer Kaffeemühle, die in der Nähe des Steuerrades angebracht ist. Der Kapitän kommandiert: Los!, ergreift die Kurbel und versetzt sie nach rechts. Sofort entfließt den Kästen, Akkumulatoren genannt, ein gewaltiger Strom, die dynamo-elektrische Maschine bekommt auf eine ganz unerklärliche Weise Leben und beginnt sich bis 900 Mal in der Minute um ihre Achse zu drehen. Die Schraube folgt ohne eine Erschütterung ihrem Beispiele und das Schiff schießt mit einer Geschwindigkeit von vier Meter in der Sekunde durchaus geräuschlos dem Ziel entgegen. Das Boot soll halten. Der Steuermann dreht die Kurbel nach zurück und es geht in wenigen Sekunden, was man nur glaubt wenn gesehen, die Maschine von der rasenden Geschwindigkeit zum Stillstand über, um sofort ebenso geschwind rückwärts zu arbeiten, wenn die Kurbel nach links gelegt wird. Die Handhabung des Triebwerkes lernt also selbst der unerfahrendste Mensch in einer Minute.

Zeitungsbericht der Täglichen Rundschau von 1903

Das zwanzigste Jahrhundert.

1906 verkauft Siemens & Halske den Bohneshof für 600.000 Mark an den Berliner Geschäftsmann Carl Donner. Der errichtet einen Getreidespeicher, während am Spandauer Nonnendamm der Grundstein für die spätere Siemensstadt gelegt wird. Der Speicher kommt der C.H. Knorr AG aus Heilbronn gut gelegen, um eine Berliner Niederlassung einzurichten. Das Unternehmen für Lebensmittelfabrikation übernimmt den Bohneshof, um hier ab 1923 Zutaten für Erbswurst, Brühwürfel und andere Produkte des Hauses zu lagern (so viel zu Hülsenfrüchten).

Ab 1910 dengelt der Karosseriebauer Alexis Kellner im Bohneshof exklusive Autoaufbauten zusammen – unter anderem für Horch, Maybach und Rolls Royce. Das Cabriolet mit vier geschlossenen Seitenfenstern gilt als besonders raffiniertes Modell. Als erster der Branche spannt Kellner in der Werbung nackte Frauen vor seine Karren. 1930 geht er, wenn auch nicht deswegen, in Konkurs.

In den 1960er Jahren löffelt Franz Beckenbauer für Knorr die Suppen aus. In Werbespots deklariert er „Kraft in den Teller – Knorr auf den Tisch!“ Ab 1967 sind Knorr und der Kaiser Geschichte. Bald darauf regiert die Revolution. „Die Wahrheit“, Zentralorgan der Sozialistischen Einheitspartei Westberlin, zieht ein.

Fun Fact: In der BRD schrieb man West-Berlin, in der DDR Westberlin – ersteres eine geteilte, letzteres eine eigene Stadt.

Die Redaktion der Wahrheit bringt ihre eigene Druckerei gleich mit: das Druckhaus Norden. Allerdings befinden sich die Produktionsmittel nicht in den Händen der Belegschaft, geschweige denn des Volkes, sondern werden von der SED auf der anderen Seite der Mauer finanziert. So wie die Zeitung auch. Deren Slogan: „Willst du Klarheit, lies die Wahrheit.“ Das kann man tatsächlich bis 1989 tun, wenn man will. Allerdings wollen das immer weniger Leser. Kurz nach der Wende wird die Wahrheit dann auch eingestellt. Das Nachfolgeorgan „Neue Zeitung“ erscheint nur einen Monat, dann dreht die SED den Geldhahn zu. 1979 bekommt „Die Wahrheit“ zwischenzeitlich Konkurrenz, „Die Klarheit“ aus den eigenen SEW-Reihen erscheint auf der Berliner Bildfläche. Von einem Slogan „Willst du Wahrheit, lies die Klarheit“ ist allerdings nichts bekannt. 1980 ist auch schon wieder endgültiger Redaktionsschluss.

Die waf.berlin.

Aktuell findet sich auf den Fundamenten des Bohneshofs ein gemischter Gewerbekomplex. Die alten Speichergebäude sind gut erhalten, in der Hofmitte wird frischer Kaffee geröstet (so viel zu Kaffeebohnen). Unter den Nachfolgern von Siemens und Knorr und anstelle der Wahrheit jetzt also eine Kommunikationsagentur, die immerhin wahrhaftig gute Arbeit versucht.

Hallo,
was gibt's Schönes zu
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